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Kogge

Die Zeit der Kogge und der Begriff

Vom 13. bis zum 17. Jahrhundert war die Hanse auf der Ostsee aktiv – eine die großen Handelsstädte vereinende Organisation, zu der Städte in Norddeutschland, den Niederlanden, Livlands und Skandinaviens gehörten. Obwohl die Hansestädte untereinander ihre Kontakte vor allem mit Hilfe von Schiffen pflegten, sind nur einzelne mittelalterliche, hölzerne Schiffe erhalten.

Als Kogge wurde im Mittelalter ein in Nordeuropa weit verbreitetes Segelschiff bezeichnet, das sowohl als Handels- als auch als Kriegsschiff genutzt wurde. Solche Schiffe waren dickbäuchig, mit einem großen Lastraum und zumeist mit einem Mast und einem großen Rahsegel versehen. Weiterhin verfügt die Kogge über mehrere bauliche Eigenheiten, die sie von anderen damaligen Schiffen deutlich unterscheiden.

Der Fund des Koggen-Wracks

Informationen über Stürme, die Hafenbauten zerstörten und Schiffe an den Strand spülten, gibt es mehrere in Tallinner historischen Quellen, ebenso wissen wir über das Gebiet des heutigen Hafens, dass sich im Boden Reste von Schiffen befinden. Deshalb waren die Archäologen nicht sehr überrascht, als im Jahr 2015 auf dem Gebiet eines ehemaligen Vergnügungsparks in Kadriorg (dt. Catharinenthal) beim Bau eines Wohnhauses zwei Schiffswracks gefunden wurden.

Vom als erstes ausgegrabenen Wrack, das den Namen Viljo-Wrack erhielt, waren nur ein Stück des Bodens und der linken Bordseite erhalten. Auf Grundlage der Analyse zur Feststellung des Alters des Holzes wurde dieses Schiff mit Klinkerverplankung offensichtlich am Ende des 15. Jahrhunderts erbaut.

Das zweite Schiff wurde beim Einbau der Abschlusswand einer Fundamentvertiefung entdeckt, als der Bagger unerwartet Teile eines Holzschiffes ausgrub. Nach dem Baggerführer erhielt das Wrack den Namen Peeter. Anfangs sah es so aus, dass das Wrack sehr stark zerstört war – aus der Erde erschienen von der Seite des Schiffs abgetrennte Teile und größere Stücke des Rumpfs, und anfangs wurde vermutet, dass tatsächlich zwei Wracks gefunden wurden. Dennoch begannen sich beim tieferen Graben, die Konturen eines etwa 18 m langen und 6 m breiten bauchigen Schiffes abzuzeichnen.

Zusammen mit der Kogge entdeckte Funde

Je mehr Boden vom Wrack abgetrennt wurde, desto mehr Überraschungen bot das Schiff. Sowohl im Schiff selbst als auch in seiner Umgebung wurden Keramikgeschirr, Werkzeug, Lederhandschuhe, Schuhe und andere Stücke (offensichtlich) von Kleidung gefunden. Es wurde klar, dass der Schiffsrumpf mit Hilfe von zwei Zwischenwänden in drei Räume aufgeteilt war. Im achtern gelegenen Raum kamen gebrannte Ziegelsteine, Fischgräten, eine hölzerne Tonne, ein Mörser aus Stein und ein zum Mahlen von Mehl gedachter Handstein zum Vorschein. Offenbar lag auf dem Schiff achtern die Kombüse, in der wahrscheinlich der Proviant aufbewahrt und das Essen für die Mannschaft zubereitet wurde. Auf die Schiffsladung verweisen die im größeren Raum, dem Laderaum, gefundenen hölzernen Tonnen, die Fischgräten enthielten.

Die auf dem Schiff gefundene Töpferware wurde zum größten Teil in Deutschland hergestellt und gehört nach der Einschätzung von Spezialisten ins 14. Jahrhundert. Zur Datierung des Schiffs wurden 16 Holzproben entnommen, die in den Labors der Universität Tartu analysiert wurden. Es wurde deutlich, dass die zum Schiffsbau verwendeten Bäume (Eiche und Kiefer) am Ende des 13. Jahrhunderts offenbar auf Gebieten des heutigen Polens gefällt wurden. Damit könnte das Schiff zu Beginn des 14. Jahrhunderts fertiggestellt worden sein.

Wahrscheinlich sank das hauptsächlich auf der Ostsee fahrende Schiff in der Nähe des Strands von Tallinn in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts also in einer Zeit, als Tallinn aktiv mit anderen Städten handelte. Auch die Form des Schiffs verweist darauf, dass es sich um ein einstmals zwischen den Handelsstädten der Hanse verkehrendes Schiff handelt.

Bedeutung der Funde

Nach der Säuberung des Schiffkörpers von Erde ergab sich, dass die bisherigen Vermutungen korrekt waren. Das Bord des Schiffs ist in Klinkertechnik erbaut, doch die Bodenplanken wurden in Karavellentechnik angebracht. Die Planken sind am Rumpf mit Bolzen aus Holz befestigt, doch die Planken in Klinkertechnik waren mit Eisennägeln miteinander verbunden, diese wurden durch den Rand der Planken geschlagen und die aus dem Holz herausragende Spitze des Nagels wurde umgebogen und von innen in die Planke geschlagen. Zur Abdichtung des Schiffs wurde Moos verwendet, das von darauf eingeschlagenen hölzernen Leisten an der Stelle fixiert wurde. Bei der Säuberung des Bords gelang es auch die zur Befestigung der Leisten genutzten kleinen Metallklammern zu finden. Im Laderaum des Schiffs wurde das Kielschwein zusammen mit dem Mastfuß gefunden, dort wurde der Schiffsmast befestigt, der das große Rahsegel trug. Alle diese Kennzeichen, ebenso der breite und flache Kiel und der erhaltene lange Vordersteven verweisen auf den Schiffstyp der Kogge.

Die Bedeutung der Kogge für den mittelalterlichen Handel an der Ostsee ist schwer zu überschätzen. Genau wie heute war es auch im Mittelalter für den Transport großer Gütermengen am sinnvollsten dies übers Meer zu tun und diese Arbeit verrichteten zur Zeit der Hanse überwiegend Koggen. Forscher haben gesagt, dass ohne die Koggen offensichtlich das Netzwerk der Handelsstädte und Handelswege der Hanse nicht entstanden wäre. Bei der Kogge handelte es sich damit um ein echtes Arbeitspferd, sie transportierten aus Russland Pelze und Wachs und aus den deutschen Städten alle möglichen Waren beginnend mit teuren Gewürzen bis hin zu Fisch, Bier und Wein. Einer der hauptsächlichen Handelsartikel war aus Lüneburg und Baye stammendes Salz, dieses wurde im wahrsten Sinne des Wortes in ganzen Bootsladungen nach Osten verschifft. Der Salzhandel war auch eine Quelle des Reichtums von Tallinn und im Hafen Tallinns legten im Laufe der Jahre offenbar Hunderte von Koggen an. Für eine alte Handelsstadt wie Tallinn war das Finden der Kogge damit ebenso bedeutsam wie die Entdeckung der Wikingerschiffe von der Insel Saaremaa (dt. Ösel). Erstmals ist es uns möglich, unmittelbar eine mittelalterliche Kogge zu untersuchen, die Waren nach Tallinn gebracht hat – ein Schiffstyp, dank dem die Stadt Tallinn zu dem geworden ist, wie wir sie heute kennen.

Literatur.
Roio, M. et. al. 2016. Medieval ship finds from Kadriorg, Tallinn. In: Archaeological Fieldwork in Estonia 2015, S. 139–158.
Roio, M. et. al. 2016. Uppunud vrakid Kadrioru maapõuest. In: Muinsuskaitse aastaraamat 2015, S. 4–8.